Reportage, Deutschland 2022True

Bis 2030 wird die Zahl der Pflegedürftigen in Deutschland auf sechs Millionen anwachsen, berichtet der aktuelle Pflegereport. Eine davon könnte die Mama von Rabiat-Autorin Lena Oldach sein. Gemeinsam stellen sich Mutter und Tochter unbequemen Fragen. Was erwartet Christiane Henze, heute 65, später einmal von ihrer Tochter? Was darf sie von ihr erwarten? Und was kann Lena leisten? Auf einer Reise zu Pflegenden in ganz Deutschland sucht die Autorin in Rabiat: Wer pflegt Mama? ihre Antwort auf eine millionenfach gestellte Frage. Es ist Freitagmittag in Waltrop bei Dortmund. Es klingelt. Sandra Dreischoff strafft ihren Rücken und drückt den Türöffner. Ab jetzt ist Pflegezeit. Für die 52-Jährige gibt es kein arbeitsfreies Wochenende, keinen Feierabend. Denn vor vier Jahren hat sie ihre schwer demente Mutter Renate Walczak zu sich geholt. Unter der Woche wird sie halbtags in einer Tagespflege betreut. Früher waren wir wie beste Freundinnen. Zu erkennen, dass es jetzt nur noch bergab geht mit ihr, war verdammt schwierig, sagt Dreischoff: Aber sie ins Heim zu stecken, das bringe ich einfach nicht übers Herz. Sandra Dreischoff ist eine von vielen Angehörigen, die pflegen. Vier von fünf Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt, meist von Frauen. Für sie rächt es sich oft im Alter, wenn sie für die Pflege der Angehörigen aufhören zu arbeiten. Dann fehlt ihnen Geld zur Rente. Der Staat aber rechnet wortwörtlich mit pflegenden Angehörigen. Ambulantisierung heißt das Schlagwort der Politik: Die ist billiger als stationäre Pflege. Die Wartelisten bei Pflegeheimen sind dennoch lang. Dort zahlt der Staat dazu, wenn das Geld fehlt. Christiane Schalles-Much aus Nossen bei Dresden hat entschieden: Papa muss ins Heim. Sie und ihre Familie waren der Pflege des Vaters nicht mehr gewachsen. Mein Lebensgefährte und ich konnten keinen Schritt mehr machen. Da blieb nichts mehr übrig an Zeit. Nichts, beschreibt Schalles-Much: Ich habe Papa dann gesagt: Ich kann das nicht mehr.